Seit März 2020 hat uns die Corona-Pandemie fest im Griff. Viele Arbeitnehmer wurden in Kurzarbeit geschickt, Selbstständige mussten starke Umsatzeinbußen hinnehmen, manche Menschen mussten sogar ihren Betrieb schließen oder haben ihren Arbeitsplatz verloren.

Das Kontaktverbot und die Isolierung haben dazu geführt, dass psychische Erkrankungen verstärkt zum Vorschein gekommen sind. Gleichzeitig hat die Pandemie dafür gesorgt, dass soziale Ungleichheiten noch verschärft wurden. Besonders gravierende Auswirkungen hat die Pandemie auf das Leben von sehbehinderten und blinden Menschen.

Besondere Herausforderungen

Blinde und Sehbehinderte sind im öffentlichen Leben oft auf Hilfe angewiesen, dafür ist Kommunikation unerläßlich. Die Vermeidung von Kontakt und die geltenden Abstandsregeln erschweren dies erheblich.

Hinzu kommt, dass blinde und sehbehinderte Menschen die Welt tastend begreifen. Zwangsläufig müssen Dinge angefasst werden, was die Infektionsgefahr noch zusätzlich erhöht. Signifikant wird dies in der alltäglichen Mobilität wie beispielsweise bei Handläufen von Treppen und Rolltreppen oder bei Bedienungselementen von Fahrstühlen.

Bei der Orientierung spielt neben dem Gehör auch der Geruchssinn eine Rolle. Orte können bestimmten Gerüchen zugeordnet oder Einzelhandelsläden aufgrund des Geruchs identifiziert werden. Durch die verstärkte Maskenpflicht sind diese Fähigkeiten nun eingeschränkt.

Besonders im Einzelhandel stoßen Menschen mit Sehbehinderungen durch die Corona-Beschränkungen an ihre Grenzen. Auf dem Fenster befindet sich der Hinweis, dass der Zugang nur mit Maske möglich ist. Im Laden selbst sind auf dem Fußboden und an Regalen Markierungen angebracht, die auf die verstärkten Hygienemaßnahmen aufmerksam machen. Läden müssen sich an die gesetzlichen Beschränkungen halten, die nur eine maximale Kundenanzahl in einem Laden erlauben. An der Ladentür sind diese Hinweise gut sichtbar angebracht – für SEHENDE. All diese Maßnahmen schließen Blinde oder Sehbehinderte aus. Sie sehen nicht, ob sie sich schon zu dicht am Vordermann befinden. Sie wissen nicht, ob sie ein Laden betreten können, weil sie nicht erkennen können, wie viele Kunden sich bereits in der Apotheke oder in der kleinen Buchhandlung befinden.

Zum Einkauf orientieren sich Blinde und Sehbehinderte natürlich auch tastend. Sie berühren die Produkte, um sich eine Vorstellung von dem Produkt zu machen und um zu entscheiden, ob sie es erwerben möchten oder nicht. Sie berühren die Gegenstände aber auch, um sich besser zurechtzufinden. Durch Abtasten können sie sich besser orientieren. In Zeiten der verschärften Hygienemaßnahmen trauen sich aber viele Betroffene nicht, die Dinge zu berühren, weil sie Angst vor Anfeindungen haben und sich auch um ihre eigene Gesundheit sorgen.

Abstand halten ist nicht nur in den Geschäften wichtig, sondern überall an denen sich Menschen aufhalten. Viele trauen sich nicht einmal vor die Wohnung, weil sie Angst vor fehlendem Abstand und damit Anfeindungen oder Ansteckung haben. Gerade in der Corona-Krise hat sich gezeigt, dass die Bürger verschärft darauf achten, ob andere Menschen sich auch wirklich an die Hygienevorschriften halten. Da Blinde oder Sehbehinderte Abstandsregeln nicht kontrollieren können, bekommen sie häufig das Unverständnis anderer Menschen zu spüren.

Unterstützung und Hilfestellungen

Nicht behinderte Menschen können viele Maßnahmen ergreifen, um sehbehinderten Menschen in ihrem Alltag zu helfen.

An erster Stelle steht die Aufklärung. Vielen nicht behinderten Menschen ist gar nicht bewusst, vor welchen Schwierigkeiten blinde und sehbehinderte Menschen in ihrem Alltag stehen. Aber nur wenn diese ein Gefühl dafür entwickeln, mit welchen Herausforderungen Betroffene zu kämpfen haben, können sie auch gezielt ihre Hilfe anbieten. Hier fehlt es aber in den Medien deutlich an Aufklärungsarbeit.

Kommunikation ist in Zeiten von Corona mehr gefragt denn je. Blinde Menschen sehen Markierungen nicht, wissen nicht, wo sich Desinfektionsmittel befinden und wissen auch nicht, wann sie an der Reihe sind. Nicht behinderte Menschen erkennen Menschen mit einer Sehbehinderung sofort. Kommunikation ist das A und O, um den Menschen in ihrer Situation unterstützen.

Auch beim Abstand halten sollten Menschen mit Behinderungen unterstützt werden. Sehen Menschen ohne Behinderung, dass der Abstand nicht eingehalten wird, können diese sich selber weiter entfernen. Sollten diese Maßnahmen nicht greifen, kann man Betroffene auch einfach ansprechen und freundlich darauf aufmerksam machen.

Auch an Haltestellen oder beim Busfahren können sehende Menschen ihre Hilfe anbieten. Das kann dadurch geschehen, dass sie ansagen, welche Buslinien gerade eintreffen. Handelt es sich um nicht bekannte Linien, können sie auch erklären, wie viele Stationen sie fahren müssen. Benutzen sie selber den Bus, können sie Betroffene direkt darauf aufmerksam machen, wann sie aussteigen müssen.

Im Handel, vor Ämtern oder anderen Gebäuden sammeln sich seit der Pandemie öfters Schlangen. Diese bilden sich, damit der Abstand zwischen den Personen sichergestellt wird. Blinde oder sehbehinderte Personen sehen die Schlange nicht, wissen auch nicht, wo diese anfängt. Kommt eine Person mit Sehbehinderung in die Nähe, können sehende Menschen Betroffene darauf aufmerksam machen, dass sich vor dem Gebäude eine Schlange gebildet hat und sie -kontaktlos- an das Ende der Schlange führen und darauf hinweisen, sobald sie vorrücken müssen oder an der Reihe sind.

Werden Regeln ausgehängt, wäre es für die Betroffenen eine sichtbare Hilfe, wenn diese zusätzlich mit der Blindenschrift versehen werden, damit auch Blinde diese Regeln einhalten können. Beim Einkaufen ist nicht nur mehr Hilfe von den Kunden gefordert, sondern auch mehr Hilfe vom Personal. Diese sollten verstehen dass Sehbehinderte mehrere Produkte abtasten müssen, um ihren Einkauf erledigen zu können. Sowohl Personal als auch die Kundschaft können hier unterstützen. So könnten Kunden erklären, welche Produkte sich vor ihnen im Regal befinden oder nachfragen, welche Produkte sie benötigen.

Vielen Blinden und Sehbehinderten, die vor Ausbruch der Corona-Pandemie ein einigermaßen selbstständiges Leben geführt haben, wird diese Unabhängigkeit jetzt spürbar erschwert. Die mangelnde Mobilität kann in vielen Fällen zu einer psychischen Belastung werden.

Aufruf

Die Pandemie sorgt mit ihren Hygienemaßnahmen und Kontaktbeschränkungen für eine Verschärfung der Herausforderungen für blinde und sehbehinderte Menschen. Alle Mitmenschen sollten sich dessen bewusst werden und aktiv darauf achten Betroffenen mit Respekt und Höflichkeit sinnvolle Unterstützung anzubieten.